Zum Inhalt springen

Denis

13. Februar 2026 durch
Deborah Henkel

„Hi, ich bin der Denis“, sagte er und streckte mir in einer etwas verlangsamten, unkoordinierten, vermutlich aber oft geübten Bewegung seine rechte Hand entgegen. Die Hand war unnatürlich in sich verkrümmt. Mit der gesunden Linken öffnete er sie ein wenig, damit wir uns die Hände schütteln konnten.

Solche Anblicke waren mir nicht fremd, und doch bewegten sie mich jedes Mal aufs Neue. Denis war nur wenige Jahre älter als ich und einfach zu jung, um diese körperlichen Bürden tragen zu müssen. In dem Jahr, in dem er seine Sprachtherapie bei uns begann, nahm ich ungewöhnlich viele junge Menschen, vor allem Motorradunfallopfer, zur Diagnostik bei uns auf und erstellte klinisch-linguistische Gutachten für die Berufsgenossenschaften. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst erst drei Jahre im Beruf. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Fahrt auf der Autobahn, auf dem Weg zu meiner Freundin, als mich ein Motorradfahrer mit enormer Geschwindigkeit überholte. In diesem Moment traf mich die Wucht der Bilder, die ich aus meiner Arbeit und vom Tod meines Bruders kannte, der selbst bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, mit voller Kraft. Ich musste rechts heranfahren. Dort, am Rand der Autobahn, überkam mich ein Weinkrampf – heftig, unkontrollierbar und scheinbar ohne Ende. Ich gewöhnte mir nach diesem Erlebnis an, diese Patientinnen und Patienten stets nach ihrem Unfalltag zu fragen und mit ihnen im Jahr darauf feierlich ihren „zweiten“ Geburtstag zu feiern, wenn sie sich dann noch bei mir in weiterer Behandlung befanden.

Denis und mich verbindet inzwischen eine lange Therapiefreundschaft. Seit mehr als zehn Jahren sehen wir uns einmal wöchentlich, entweder in der Praxis oder bei ihm zu Hause, für sechzig oder neunzig Minuten Sprachtherapie. Der Weg zu seinem Elternhaus, in dem er oben eine Etage bewohnt, ist mir inzwischen so vertraut wie der Weg zu meiner eigenen Wohnung.

Da wir fast im gleichen Alter sind, herrscht zwischen uns ein kameradschaftlicher Ton. Es wird viel gelacht, manchmal auch geschimpft (vor allem über mich, wenn ich neue grammatische Übungen mitbringe) und hin und wieder machen wir In-vivo-Übungen (Sprachübungen in echten Alltagssituationen) im nahegelegenen Werre-Park oder in der Stadt, um die Motivation aufrechtzuerhalten. Es ist keine Frage, dass nach vielen Jahren Therapie die Begeisterung hierfür irgendwann nachlässt. Auch wir Therapeutinnen und Therapeuten sollten uns dann in der Pflicht sehen, die Therapie entsprechend umzugestalten, einen Therapeutenwechsel vorzunehmen oder andere Therapieziele zu setzen, damit der oder die Betroffene wieder Lust an der gemeinsamen Arbeit verspürt. Manchmal überkommen mich dann auch ein paar ... nennen wir es „außergewöhnlichere Ideen“ – wie dieser Bildband. Denis ehrt es, dass er sich stets auf neue Therapieideen einlässt und offen gegenüber allen Anregungen eingestellt ist. 

Die Wörter und Sätze kommen auch heute noch nicht immer sofort und auch nicht flüssig aus ihm heraus. Manchmal braucht es Pausen, Umwege und ein wenig Geduld. Und doch hat sich seine Sprache über die Jahre enorm weiterentwickelt. Aus seinem damaligen Automatismus „Nein“ sind Sätze geworden, Geschichten und Witze. Die Aphasie ist geblieben, aber sie bestimmt ihn nicht mehr. Wie bei vielen Aphasikern, ist die Flüssigkeit der Sprachproduktion sehr abhängig von der Tagesform. An einigen Tagen können ganze Texte flüssig und fast fehlerfrei vorgelesen werden und es gibt Tage, an denen schon das Sprechen kurzer Sätze mühsam ist. Denis hat jedoch gelernt, nicht mehr dagegen anzukämpfen, sondern die Aphasie als einen Teil seiner jetzigen Person anzunehmen. Wenn ich etwas komplexere Texte mit zur Therapie bringe oder ihm zum Beispiel die Aufgabe stelle, ein etwas langwierigeres Telefonat selbst zu führen, ist die erste Ansage gelegentlich: „Ach nee, das ist doch doof“. Letztendlich bewältigt Denis die Aufgabe dann aber doch ziemlich gut, und sein Stolz ist dann berechtigterweise umso größer. Ähnliche Therapieerfahrungen ergaben sich für ihn in der Physio- und der Ergotherapie. Bis heute nimmt Denis an allen Therapieangeboten teil und kann, wenn er sich fokussiert, auch hier stets neue Fortschritte erzielen. Sein Ziel, irgendwann wieder Fußball spielen zu können, war dabei stets seine größte Motivation. 

Michael