Aus der Diagnostik wurde klar: Das Schreiben, das laute Lesen, das Benennen und das Sprachverständnis waren mittelschwer bis schwer gestört. Die Sätze, die Gerhard äußerte, waren verschränkt und sehr floskelhaft. Den Inhalt musste ich oft erraten. Meine größte Angst bezüglich seines Schlaganfalls hatte sich leider, zumindest teilweise, bewahrheitet. Mir war klar, dass seine Tagebuchaufzeichnungen jetzt ruhen mussten, Zeitungsartikel so schnell nicht mehr oder auch nie wieder in Gänze gelesen werden konnten und sich für Gerhard – nicht nur durch den Tod seiner Frau, sondern auch durch die Aphasie – seine ganze Welt verändert hatte. Der Schlaganfall ist ein neurologisches Ereignis und kann neben der Sprache und der Motorik auch die Kognition beeinträchtigen. Unter anderem können das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit oder auch die Handlungsplanung eingeschränkt sein. Auch hier hatte Gerhard seine Baustellen. Nur das Herz, das konnte ihm der Schlaganfall nicht nehmen. Ebenso wenig wie seine Intelligenz, was ich im Laufe unserer Zusammenarbeit immer wieder bemerkte.
Auch wir machten es uns zur Angewohnheit, in der Küche zu arbeiten und tüftelten dort gemeinsam: Wie schrieb man noch einmal ein „W“, warum war lila nicht rot und warum wollten so alltägliche Wörter wie Butter und Marmelade nicht mehr geordnet aus seinem Mund kommen? Es muss für ihn schrecklich gewesen sein, denn ich wusste, wie eloquent und mit welchem Intellekt er sich früher äußern konnte und auch, wie wichtig Sprache für ihn gewesen war. Bei HARTING, der Firma, zu der er sich jeden Tag über 40 Jahre lang auf den Weg gemacht hatte, war er bis zu seinem Renteneintritt der Leiter des technischen Betriebs gewesen – eine der höchsten Positionen in einer Firma, die im letzten Geschäftsjahr einen Umsatz von 940 Millionen Euro erzielte und an die 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Auch das erfuhr ich eher beiläufig. Gerhard erzählte über seinen beruflichen Werdegang zwar mit Begeisterung, aber nie mit viel Großtuerei.
Im Laufe einer jeden Therapiestunde erfuhr ich mehr über seine Arbeit, seine Reisen mit Gisela und schon bald bestanden unsere Termine aus einer bunten Mischung von Aphasie-Übungen, aber auch aus dem Blättern in seinen Tagebucheinträgen. Ich bewunderte Gerhards Elan hinsichtlich der Schriftsprache. Immer wieder schrieb er „verloren gegangene“ Wörter ab, arbeitete mit mir und meinem Arbeitskollegen an der Auswahl richtiger Wortanfänge und übte sich am Lesen kurzer Zeitungsartikelüberschriften. Das selbstständige Schreiben gelang lange Zeit nur bei hochautomatisierten Wörtern wie seinem Namen. Und obwohl ihm vor allem nach Giselas Tod sicher nicht immer danach zumute war, öffnete er mir mit einem Lächeln die Tür und präsentierte wenig später einen Artikel aus der aktuellen Zeitungsausgabe, der in irgendeiner Weise etwas mit ihm, HARTING, der Stadt Minden oder seiner und Giselas Geschichte zu tun hatte.
Während unser Sprachverständnistraining bereits in den ersten Monaten zu Verbesserungen führte, war Gerhards Spontansprache weiterhin durch Satzverschränkungen, Floskeln und fehlerhafte Wörter geprägt. Seine Tochter bezeichnete er lange Zeit fehlerhaft als „seine Frau“ und mein Arbeitskollege war immer „mein Mann“. Das führte manchmal auch zu lustigen Verwechslungen, über die wir dann gemeinsam lachen konnten. Namen und Personenbezeichnungen wollten einfach nicht mehr gezielt aus seinem Mund herauskommen. Mir blieb oft nichts anderes übrig, als zu raten, mit ihm durch seine Wohnung zu gehen oder im Tagebuch zu blättern, um die Referenz zu finden. Dass sein Gedächtnis und auch sein Intellekt durchaus noch aktivierbar waren, zeigten mir genau diese spontanen Funde. An einem Tag zeigte er mir einen Zeitungsartikel, in dem über den Designer Luigi Colani berichtet wurde. Aufgeregt zeigte er mir das Bild des Künstlers.
Ich verstand nur Bahnhof. Meiner Einschätzung nach waren Gerhard und Gisela keine Menschen, die Wert auf Designerkleidung legten. Er gab mir dann zu verstehen, dass er mir im Keller etwas zeigen wollte. Vor dem ersten Raum blieb ich abrupt stehen: Gerhard hatte seinen Hobbyraum in ein Mini-Museum verwandelt. In einer Ecke stand natürlich ein Spielautomat, ein Rotamint „Goldene 7“, noch versehen mit DM-Preisen. Daneben diverse Andenken an HARTING und an seine Jugendzeit. Und an der Wand? Da hing ein großes eingerahmtes Poster, unterzeichnet von – natürlich – Luigi Colani. Schließlich fand ich eines Tages heraus: Colani hat in den 1980er-Jahren einen Zigarettenautomaten für HARTING designt und lernte im Zuge dessen auch Gerhard kennen. Bei dieser Gelegenheit hatte er ihm das Poster inklusive einem Autogramm von ihm geschenkt.
So intensiv wir auch zusammen arbeiteten: Es muss für Gerhard gelegentlich sehr frustrierend gewesen sein, wenn wir aus dem, was er uns erzählte, nicht so richtig schlau wurden und er das, was er eigentlich sagen wollte, einfach nicht in die richtigen Worte fassen konnte. Er ließ es sich aber nie anmerken und versuchte stattdessen anhand anderer Hinweise – einem geschriebenen Wort, einem Bild oder einer seiner Tagebuchaufzeichnungen – dazu beizutragen, dass man verstand, was er meinte. Er muss sich zwischendurch auch sehr einsam gefühlt haben. Eine Aphasie bedeutet immer auch ein Stück weit Isolation. Auch wenn sich Gerhards Umfeld größte Mühe gab, seinen Worten zu folgen, war es doch zuletzt – auch für ihn selbst – eine enorme Einschränkung, nicht mehr so aktiv wie früher an Gesprächen teilzunehmen. Für ihn jedoch kein Grund, schlechte Laune zu haben. „Was soll’s?“, sagte er öfter. Weitermachen! Das war stets seine Devise.