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Indira & Muhammad

13. Februar 2026 durch
Deborah Henkel

Ich besuchte die kleine Familie zumeist am Nachmittag, nachdem Muhammad aus der Schule wiederkam. Er war sicherlich vom Tag erschöpft und doch lächelte er über das ganze Gesicht, wenn ich kam. Eine Zeugin seiner, wenn auch kleinen, sprachlichen und motorischen Fortschritte sein zu dürfen – ja sogar ein Teil davon zu sein, war ein unbeschreibliches Glück für mich. Eine Erfahrung, die sich vermutlich jede Therapeutin und jeder Therapeut sehnlichst wünscht: zu sehen, wie Therapiemaßnahmen greifen und die Betroffenen voranbringt. Berührend war es auch zu beobachten, wie gut die beiden Brüder zusammen harmonierten. 

„Zwischen ihnen besteht eine ganz besondere Verbindung. Amir ist sehr feinfühlig und erstaunlich aufmerksam gegenüber Muhammad. Ich habe beobachtet, wie er auf jede Bewegung, auf jede Emotion seines Bruders achtet, wie er versucht zu verstehen, was er braucht. Amir lernt, an seiner Seite zu sein, als wüsste er seit seiner Geburt, dass Unterstützung manchmal einfach nur Dasein bedeutet – stille Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, zu helfen. Ich habe gehört, wie mein kleiner Amir leise Gebete flüstert und Gott darum bittet, dass Muhammad mit ihm spielen, laufen und lachen kann. Diese Worte sind rein und wahr, ohne jede Unaufrichtigkeit, und gerade deshalb zerreißen sie einem das Herz und erfüllen es zugleich mit Wärme. In ihren Blicken, in der Art, wie sie sich umarmen, wie sie Spielzeug und Aufmerksamkeit miteinander teilen, zeigt sich eine besondere, tiefe Liebe. Sie ist leise, aber stark; sie gibt beiden Kraft und verbindet sie selbst dort, wo Muhammads Körper eingeschränkt ist und Worte noch fehlen. Das ist nicht nur brüderliche Fürsorge. Es ist gegenseitige Unterstützung, Vertrauen und Zärtlichkeit – etwas, das man weder kaufen noch erlernen kann. Sie leben im Hier und Jetzt, und in diesen kleinen Momenten zeigt sich die wahre Stärke einer – unserer Familie.“

Muhammad hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach an Rehabilitationsmaßnahmen teilgenommen, die ihm vor allem motorisch neue Ebenen der Entwicklung eröffneten. Mit Hilfe des Stehtrainers gelang es ihm, immer länger und stabiler zu stehen; nach vielen Übungseinheiten konnte er schließlich auch ohne fremde Hilfe im Schneidersitz sitzen. Parallel dazu wurden neue Wege der Kommunikation erschlossen: zunächst über einfache Tastersysteme, später mithilfe eines Sprachcomputers. Der Moment, in dem ein Patient oder eine Patientin begreift, dass ein Knopfdruck genügt, um ein Gerät für sich sprechen zu lassen, ist für mich jedes Mal ein besonderer und tief bewegender Therapieerfolg. Die technologischen Fortschritte in diesem Bereich sind enorm und eröffnen sowohl Kindern als auch Erwachsenen völlig neue sprachliche Perspektiven.

Aufgrund seiner Hüftdysplasie und einer Fehlstellung des Fußes musste Muhammad leider auch zahlreiche Operationen durchstehen. Mehr als ein Mutter- oder Vaterherz es eigentlich ertragen können. Für Indira sind diese Eingriffe über die Jahre nicht unbedingt leichter geworden. 

„Muhammad ist mittlerweile zehn Jahre alt, und mit jedem Tag wird es schwerer. Seine kleinen Erfolge sind immer noch kostbar, doch die Schwierigkeiten wachsen, und die Erschöpfung drückt immer stärker. Manchmal laufen mir Tränen über die Wangen, wenn ich ihn anschaue und erkenne, dass viele Dinge, die selbstverständlich sein sollten, für uns eine Herausforderung sind. Aber selbst in diesen Momenten kann ich nicht aufhören zu lieben. Meine Liebe ist ein Anker, der uns beide hält, wenn das Meer des Lebens stürmt. Ich lerne zu akzeptieren, dass jeder Tag schwer sein kann – und dass auch das eine Form von Stärke ist. Liebe bedeutet nicht nur Freude und Stolz, sondern auch, da zu sein, selbst wenn alles unmöglich scheint. Und ich glaube weiterhin: Unsere Verbindung ist stärker als alle Hindernisse, und unsere Liebe ist unser Weg durch jede Prüfung.“

Denis