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Jacqueline

13. Februar 2026 durch
Deborah Henkel

Sie war aufgewacht – sie lebte.

Nach einer 13-stündigen Operation war es Dr. Scheer, dem Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie im Johannes-Wesling-Klinikum in Minden, gelungen, was sich viele andere Ärzte nicht zugetraut hatten. Dem auf dem Flur des Krankenhauses in banger Hoffnung wartenden Johannes näherte sich dieser außergewöhnliche Arzt mit der erlösenden Nachricht: Der Tumor und das umliegende maligne Gewebe hatten vollständig entfernt werden können, sodass weder eine Chemotherapie noch eine Bestrahlung notwendig sein würden. Als Johannes diese Worte hörte, fiel eine erdrückende Last von seinem Herzen. Er weinte hemmungslos und umarmte den Arzt voller stummer Dankbarkeit. Die Familie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet.

Jacqueline erwachte aus der Narkose jedoch unter völlig neuen Lebensbedingungen. Noch benommen von den Medikamenten bahnten sich langsam Gefühle der Dankbarkeit, dann auch des Glücks ihren Weg. Johannes drückte ihre Hand, sie drückte zurück. Sie hatte es geschafft. Doch schon bald wich diesem ersten Glück die schmerzhafte Erkenntnis, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Ihr Gesicht fühlte sich taub und fremd an. Sie wollte sprechen, doch ihre Muskeln versagten. Dann spürte sie das kleine Röhrchen, das aus ihrem Hals ragte. Sie hatte es vor der Operation unterschreiben müssen. Es waren sechs lange Seiten mit Erklärungen, Bildern und bedrohlich klingenden Begriffen. Sie wusste in etwa was auf sie zukam – und doch traf sie die Realität mit voller Wucht. Um ihre Atmung und das Schlucken nach dem Eingriff sicherzustellen, war ihr eine Trachealkanüle gelegt worden. Dafür hatte man eine operative Öffnung oberhalb des Kehlkopfes vorgenommen, durch die nun ein kleines Röhrchen direkt in die Lunge führte. Ihr Atmungsweg war dadurch verkürzt und verlief nicht mehr wie gewohnt über Mund und Nase, sondern über die Öffnung im Hals. Ein kleiner, mit Luft gefüllter Ballon oberhalb des Kehlkopfes sollte sie vor dem Verschlucken schützen. Gleichzeitig verhinderte dieser jedoch, dass die Ausatemluft durch den Kehlkopf strömen konnte – und damit die Möglichkeit, zu sprechen.

In der Theorie hatte das Ärzteteam ihr alles erklärt, doch nun tatsächlich für eine vermutlich sehr lange Zeit nicht sprechen zu können, war eine Erkenntnis, die sie erst jetzt vollständig erfasste. Auch das Essen würde für lange Zeit nicht möglich sein. Die am Schlucken beteiligten Muskeln waren durch die Operation so stark beeinträchtigt, dass ein normaler Schluckvorgang nicht möglich war. Vorerst würde sie über eine Magensonde ernährt werden. Die Prognose der Ärzte lautete, dass sie womöglich nie wieder feste Nahrung würde schlucken können.

Doch sie lebte – und das wurde ihr Anker, besonders in den ersten Tagen und Wochen nach der Operation.

Gerhard